
"Kinder zu Fuß in die Kita bringen"
Arzt Gerd Claußnitzer über Fettleibigkeit, übergewichtige Witwen, Eltern als Vorbilder und dicke Hessen
(Frankfurter Rundschau, 09.08.2006)
--- Frankfurter Rundschau: Jeder zweite Erwachsene in Hessen ist übergewichtig, jeder achte sogar stark. Ist das Ergebnis des Mikrozensus 2005 eine Überraschung?
Gerd Claußnitzer: Überhaupt nicht. Wir haben noch höhere Zahlen erwartet: Dass zwei Drittel übergewichtig sind beziehungsweise 20 Prozent extrem. So liegen die Hessen im Bundesdurchschnitt.
--- Männer sind häufiger übergewichtig als Frauen. Kann man das erklären?
Kaum. Normalerweise haben Männer mehr Muskeln, verbrauchen mehr Energie und müssten deshalb weniger übergewichtig sein. Es sieht so aus, dass sie sich im Vergleich zu den Frauen noch weniger bewegen und noch etwas mehr essen.
--- Untergewicht ist zwar viel seltener. Doch knapp 16 Prozent der 18- und 19-jährigen Frauen sind betroffen.
Das ist auch Besorgnis erregend. Untergewicht gibt es schon bei zehn- bis zwölfjährigen Mädchen. Sie versuchen, möglichst wenig und ganz fettfrei zu essen, um eine schlanke Linie zu haben. Auch hier scheint das Extreme zuzunehmen. Und auch hier verschiebt sich das Alter nach unten.
--- Wie bei den Dicken?
Ja. Ein Fünfjähriger mit 50 Kilo ist jetzt schon nicht mehr so selten.
--- Übergewicht hängt laut Mikrozensus auch vom Familienstand ab. Verwitwete Frauen zum Beispiel sind eher dick...
... womöglich, weil sie sich durch Essen trösten.
--- Nach dem Krieg gab es das Nachholbedürfnis, doch der Trend zu gesundem Leben ist schon einige Jahre alt. Da müsste das Durchschnittsgewicht doch sinken.
Tatsächlich aber beobachte ich seit den 70er Jahren einen kontinuierlichen Anstieg. Die Spessart-Klinik bietet seit mehr als 25 Jahren Adipositas-Therapien an und verzeichnet jedes Jahr Steigerungen - sowohl, was das Ausmaß betrifft, als auch die Zahl der Betroffenen.
--- Wie lässt sich Übergewicht verhindern?
Man muss sehr früh ansetzen, deshalb sind gerade Kinderärzte gefordert. Die Haltung "Das wächst sich schon raus" hat sich als fatal erwiesen. Wenn ein Kind im zweiten, dritten Lebensjahr so dick bleibt wie ein Säugling, sollte man etwas unternehmen. Sonst wird es ein dicker Erwachsener.
--- Und was tut man dagegen?
Wichtig ist, die Familie einzubeziehen, sie auf das Problem aufmerksam zu machen. Oft sind andere in der Familie ja auch betroffen, etwa ein Elternteil. Auch im Kindergarten kann man über gesunde Ernährung informieren. Man sollte aktiv werden, bevor die Adipositas sichtbar wird.
--- Ernährung ist wichtig, aber wohl auch Bewegung.
Genau. Eltern sollten sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein. Also das Kind möglichst nicht mit dem Auto zum Kindergarten bringen, sondern zu Fuß. Das Kind muss merken, dass Bewegung normal ist.
--- Und wie kann der Erwachsene Bewegung in den Alltag einbauen?
Es muss nicht der Sport sein, schon gar nicht Leistungssport. Einfache normale Bewegung ist wichtig: Rad fahren, den Fahrstuhl meiden und Treppen laufen. Nicht jeder schafft es alleine, sein Leben umzustellen. Manche muss man fast an die Hand nehmen, damit sie es schaffen.
--- Wo finde ich sachkundige Hilfe?
Beim Hausarzt oder bei Beratungsstellen. Manchmal muss man erst familiäre Probleme lösen, um an solch eine Aufgabe herangehen zu können. Erst den Grund für Frust oder Stress beseitigen, damit man ein vernünftiges Essverhalten trainieren kann.
--- Es gibt immer mehr Übergewichtige. Wie wirkt sich das auf die Volksgesundheit aus?
Katastrophal. Es bestehen ganz enge Zusammenhänge zwischen Übergewicht, Typ 2 Diabetes und Herzinfarkt beziehungsweise Schlaganfall. Das wird fatal werden, wenn das so weiter geht.
--- Was sind die Alarmsignale?
Das ist abhängig vom Einzelfall. Man muss andere Parameter hinzuziehen: Rauchverhalten, Blutwerte. Gibt es schon eine Leberverfettung? Sind die Cholesterinwerte erhöht? Wenn viele Risikofaktoren sich häufen, dann ist das Risiko sehr hoch.
--- Selbst dann raten sie aber von einer radikalen Diät ab?
Viel sinnvoller ist, das Leben langfristig umzustellen. Mehr Bewegung im Alltag verbessert schon die Blutparameter. Eine leichte Reduktion von fünf bis zehn Prozent des Gewichts bringt schon einen messbaren Gesundheitsbenefit.
Interview: Jutta Rippegather
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INTERVIEW
- Gerd Claußnitzer (44) ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Behandlung von krankhaftem Übergewicht (Adipositas). Der Oberarzt an der Medinet Spessart-Klinik in Bad Orb ist Vorsitzender des Vereins Adipositas-Netzwerk, einem Zusammenschluss von Menschen und Institutionen aus allen Berufsgruppen, die sich mit Adipoitas befassen.
- Übergewicht, sagt Claußnitzer, betrifft auch immer mehr jüngere Menschen. Die Zahl der Dicken steige seit Jahrzehnten, was das Landesamt für Statistik bestätigt. Die Folgen für die Volksgesundheit seien katastrophal. Schon bei Kleinkindern müsse die Prävention ansetzen. Dabei spielten die Familien die Hauptrolle. JUR
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Alle Rechte liegen bei der FRANKFURTER RUNDSCHAU bzw. den Autoren oder Autorinnen. Wir danken für die freundliche Genehmigung, das Interview an dieser Stelle wiederzugeben. zur Druckversion >>
letzte Änderung: 11.09.2006 Seite:




